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Die Chancen der Türken
Bridges of Fashion-Kongress in Istanbul: Die türkische Industrie setzt auf Schnelligkeit, Design und Nachhaltigkeit


Ohne die türkische Bekleidungsindustrie hätten wir zum Beispiel unsere Karl Lagerfeld-Kollektionen gar nicht stemmen können“, sagt Karl Gunnar Fagerlin. Der 54-Jährige, der als Produktionsdirektor das weltweite Sourcing von H&M verantwortet, ist von den Fähigkeiten der Türkei überzeugt. Immerhin 20 % seiner Ware bezieht der Filialist von dort. Und das, obwohl die Zeiten für die türkische Industrie längst nicht mehr so rosig sind, wie sie es einmal waren. Das Land ist schon lange kein billiger Produktionsstandort mehr. Zwar steigen die Bekleidungs- Exporte der Türkei laut offiziellen Angaben der Verbände nach wie vor, 2007 um 15 % gegenüber dem Vorjahr auf 16,05 Mrd. Dollar (11 Mrd. Euro).

Trotzdem steht die türkische Industrie unter Druck. Sie muss einen Weg finden, um sich der Vergleichbarkeit mit Billiglohnländern zu entziehen. Die Hauptbausteine dafür heißen Innovation, Design und Schnelligkeit. Darum ging es unter anderem auch bei der Konferenz „Bridges of Fashion Istanbul – where design&production meet“, die in der vergangenen Woche im Lütfi Kirdar Rumeli Kongress-Zentrum stattgefunden hat. Rund 500 Teilnehmer waren der Einladung des Bekleidungsverbandes sowie des Arbeitgeberverbandes der türkischen Textil- und Bekleidungsindustrie nach Istanbul gefolgt. H&M zählt zu den Pionieren, die bereits seit mehreren Jahrzehnten in der Türkei einkaufen. Das soll so bleiben. „Ich sehe eine große Zukunft für Mode aus der Türkei“, sagt Karl Gunnar Fagerlin. Die H&M-Einkaufsorganisation beschäftigt in der Türkei 250 Mitarbeiter. Entscheidend ist für ihn vor allem der Faktor Schnelligkeit: „Bei 69% der Türkei- Produktion liegt die Lieferfrist unter sieben Wochen.“ Die Türkei sei vor allem für modische Produkte und für Repeat-Orders wichtig, bei denen es auf Geschwindigkeit ankommt. Bei Cos, der neuen schicken Schwester von H&M, werden laut Fagerlin sogar mehr als 50 % der gesamten Kollektion in der Türkei gefertigt. „Für uns boomt die Türkei“, sagt William Fung, Group Managing Director von Li&Fung. Für jährlich 600 Mill. Dollar kauft der Hongkonger Handelsriese in der Türkei Bekleidung, insgesamt 500 Mitarbeiter sind vor Ort. „Istanbul ist für uns das perfekte Zentrum für die Region“, sagt Fung. Von hier aus wird der Einkauf in Jordanien, Ägypten, Rumänien, Bulgarien und Portugal gesteuert.

Eine Zeit lang sei die Welt wie gelähmt gewesen durch den China-Effekt. Aber: „Die vergangenen zwei Jahre haben gezeigt, dass China nicht so übermächtig ist, wie man dachte.“ Die Produktion in China ist teurer geworden. Die Inflation habe 2007 bei 7% gelegen, in den südlichen Küstenregionen gar bei 11 bis 13 %. „Ich rechne in den nächsten Jahren mit großer Unruhe auf dem chinesischen Markt, durch die Verlagerung vieler Betriebe in den Norden und ins Hinterland.“

Das rät William Fung im Prinzip auch den Türken. Die Fabriken müssten vom teuren Istanbul weg nach Anatolien ziehen, die Folge wäre eine Arbeitsteilung. In der Metropole stünden die Schreibtische, in Anatolien die Nähmaschinen. „Das wäre dann ein ähnliches Verhältnis wie zwischen Hongkong und dem Perlflussdelta.“ Außerdem müsse die Türkei in Design, Forschung und die Weiterentwicklung der Lieferkette investieren. Für Qualität und Dienstleistung könne man auch mehr Geld verlangen. „Billig ist nicht alles. Abschriften auf nicht verkaufte Ware können einen viel teurer zu stehen kommen.“ Einer der Nutznießer des weltweiten Sourcing- Netzwerks von Li&Fung ist seit geraumer Zeit Karstadt. Der Essener Warenhaus- Konzern hat sein Einkaufsvolumen für Bekleidung in der Türkei in den vergangenen Jahren reduziert, zugunsten von Fernost. „Wir lagen mal bei 60 Mill. DM, heute sind es noch 15 bis 20 Mill. Euro“, sagt Raffael Reinhold, Director Category Management/Strategic Supplier